Wir brauchen mehr Forschung zum STI Risiko bei konsensuellen nicht-monogamen Beziehungen

 

Wir wollten uns schon lange dem Thema annehmen, welche Risiken in Bezug auf Geschlechtskrankheiten es in konsensuellen nicht-monogamen Beziehungen (CNM) im Vergleich zu monogamen Beziehungen gibt. Jedoch waren wir bis heute (Stand: Frühjahr 2026) nicht in der Lage, verlässliche und aktuelle Daten zu finden. 

Die einzige Studie, welche wir bis jetzt fanden, ist aus dem Jahre 2015 und wurde von Justin J. Lehmiller durchgeführt. Wir hatten mit Lehmiller einen Austausch per Mail und auch ihm sind keine weiteren Untersuchungen zum Thema bekannt. 

Angesichts der wenigen Daten zum Thema und den vielen Vorbehalten zur Studie von Lehmiller wäre es das Wichtigste, weitere Studien durchzuführen und zu prüfen, ob es spezifische Risiken für  CNM Personen gibt und, wenn ja, welche.

 

Dies ist nicht nur wichtig, um mögliche Vorurteile gegen diese Beziehungsformen abzubauen, sondern auch für den Fall, dass tatsächlich andere Risiken bestehen als bei Menschen in monogamen Beziehungen und um entsprechende Gesundheitsmassnahmen planen zu können. 

 

Wenn dir das Thema wichtig ist dann unterstütze uns doch in unserer politischen Arbeit, besser Grundlagen für das durchführen solcher Studien zu schaffen.

 

Die Resultate, welche wir euch nun präsentieren, sind mit entsprechendem Vorbehalt zu lesen. Wir gehen unten nochmals etwas mehr darauf ein, wieso. 

 

Kernpunkte der Studie von Lehmiller 2015: 

  • Die Studie vergleicht die selbstberichtete Rate von STI (Sexuell Transmitable Infections)  in konsensuellen monogamen und nicht-monogamen Beziehungen (S. 2022).
  • 72.4 % der Personen in CNM Beziehungen hatten Sex mit einer anderen Person als der primären Partner*in. Innerhalb dieser Gruppe gaben 36.7% der Personen an, dass ihre Partner*in nicht spezifisch über diesen sexuellen Kontakt informiert ist (S. 2025).
  • Bei der monogamen Gruppe gaben 24.4% der Personen an, dass sie sexuellen Kontakt mit einer anderen Person als ihrer primären Partnerperson oder ihrem primären Partnermenschen hatten und von dieser Gruppe gaben 75% an, dass diese Partner*in nicht darüber informiert ist (S. 2025).
  • Personen in  CNM Beziehungen haben mehr sexuelle Partner*innen als Personen in monogamen Beziehungen (S. 2025).
  • Personen in CNM Beziehungen nutzen deutlich häufiger Kondome, auch mit ihrer primären Partner*in, als Menschen in monogamen Beziehungen (S. 2025).
  • Personen in CNM Beziehungen lassen sich häufiger auf STI testen als Personen in monogamen Beziehungen, aber dennoch gibt es keinen grossen Unterschied, ob eine Person mit STI diagnostiziert wird oder nicht (S. 2025 - 2026). 
  • Der Autor vermutet, dass dieses Resultat mit der Untreue in monogamen Beziehungen und der geringeren Nutzung von Kondomen in monogamen Beziehungen erklärbar ist. Daher sind die STI Diagnosen in beiden Gruppen sehr ähnlich, obwohl die CNM Gruppe deutlich mehr Sexualpartner*innen hat (S. 2027).

 

Zur Methodik/Limitierung

  • Die Studie hat nur einen einzelnen Autor. Dieser Autor ist aus der Sozialpsychologie. Bei einem Paper mit nur einem Autor ist es schwierig zu prüfen, welche Kontrollprozesse vor dem Preview stattgefunden haben. 
  • Total haben 556 Personen an einer Online Befragung teilgenommen.
    • Davon waren 351 in monogamen und 205 in konsensuelle nicht-monogamen Beziehungen (S. 2024)
    • 70.1% der Teilnehmer*innen waren Frauen (S. 2025) [1] 
    • 77.9% der Teilnehmer*innen identifizierten sich als heterosexuell. 
  • Aus verschiedenen Gründen lassen sich die Ergebnisse kaum (oder nur mit Vorbehalt) auf den D-A-CH Raum im Jahr 2026 übertragen. 
    • Die Studie ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags über 10 Jahre alt. 
    • Zudem beschränkt sich die Untersuchung auf die USA. Auch für die USA ist sie nicht repräsentativ. (Siehe nächster Punkt)
  • Die Rekrutierungsstrategie der Personen in CNM Beziehungen beschränkte sich auf Foren, welche sich mit Beziehungen und Sexualität beschäftigen (S. 2024). Wir haben also hier wohl ein Sample von Personen, welche sich bereits intensiver mit dem Thema beschäftigt haben. Entsprechend könnte es eine Verzerrung geben in die Richtung jeder CNM Personen welche besonders gesundheitsbewusst sind, was vermutlich nicht repräsentativ für die ganze Population ist. 
  • Die Studie sagt etwas über Personen, die eine STI haben, respektive hatten, welche vor  der Umfrage bereits diagnostiziert wurden. Nicht aber, ob allenfalls unentdeckte STI vorliegen bei den untersuchten Personen. (S. 2025). 

Wichtig: Trotz dieser vielen Einschränkungen ist die Arbeit von Lehmiller nicht unwissenschaftlich oder wertlos. Sie zeigt aber klar, dass es mehr Mittel und Forschung braucht, um dem Thema wirklich gerecht zu werden. Dafür möchten wir uns mit dir zusammen engagieren

 

Ich will mehr wissen

Du findest du ganze Studie hier:

10.1111/jsm.12987

 

Mit der DOI Nummer kannst du in verschiedenen Datenbanken Studien finden.  Auch in solchen, welche keinen Zugang zu einer Hochschule voraussetzen. Beachte dazu die Gesetzeslage in deinem Land. Frage auch direkt in den Hochschulen die Bibliothekar*innen, ob sie dir helfen können, Zugang zu erhalten. Falls du Bürger*in der Schweiz bist, erhältst du über das Konsortium der Schweizer Nationalbibliotheken auch legal Zugriff auf verschiedene Studien. 

 

Text: Jonas 

Gegenkontrolle: Jenny, Maria  sowie eine Rücksprache mit Psychologin (PhD)

 

 

Hast du einen Fehler entdeckt in unserem Text? Bitte schreib uns an [email protected], damit wir den Beitrag korrigieren können. Und wenn es dir Spass macht, solche Daten aufzuarbeiten, dann überlege dir doch, ob du in unser Science Communication Team kommen möchtest. 

 

[1] Es wird nur selten in der Forschung mit mehr als zwei Geschlechter gearbeitet, dies verändert sich aber in den letzten Jahren)


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