Loh arbeitet als Philosoph*in zu Polyamorie. Philosoph*innen beschäftigen sich sehr oft mit Normen. Dabei unterscheiden Philosoph*innen zwischen deskriptivem (beschreibendem) und normativem (bestimmendem) Vorgehen.
Loh möchte in dieser Arbeit die Werte um polyamore Beziehungen beschreiben. Das bedeutet, Loh argumentiert nicht dafür, dass bestimmte Werte gut oder schlecht sind (S. 261). Loh beschreibt dabei die idealisierte Form dieser Werte. Also nicht so wie Poly-Beziehungen in der Praxis gelebt werden, sondern welche Werte im Idealfall angestrebt werden (S. 273). Weiteres zum Vorgehen von Loh findest du unten im Methodikteil.
Zentrale Punkte aus dem Text:
- Liebe ist nicht einfach ein "Zustand", sondern etwas, was wir aktiv tun (S. 262). Liebe sieht Loh als Entscheidung an und nicht als etwas, das einfach so geschieht (S. 263).
- Es gibt ganz viele verschiedene Formen der Liebe und sie alle haben in der Polyamorie Platz (S. 264-268).[1]
- Zentral!: Polyamorie bedeutet für Loh nicht, dass mehr als zwei Personen in einer Beziehung sein müssen. Vielmehr ist für Loh polyamorie eine Haltung, wie Menschen Beziehungen leben wollen und dies kann auch alleine oder zu zweit sein (S. 267 Fussnote 12 und S: 273 Fussnote 18).
- Loh argumentiert, dass Poly-Beziehungen im Kontrast zu traditionellen monogamen Beziehungen davon ausgehen, dass zwei Menschen sich gegenseitig nicht alle Bedürfnisse erfüllen können. Poly-Beziehungen sind stark geprägt von einem Anerkennen von sich selbst und dem Gegenüber als ein Individuum. Das implizite Ziel traditioneller monogamen Beziehungen, dass zwei Personen sich sehr stark aneinander anpassen sollten, wird in polyamoren Beziehungen eher abgelehnt (S. 269 bis S. 271).
- Loh beschreibt insgesamt neun Werte der Polyamorie, welche Lohn in drei Gruppen einteilt. Alle diese Werte spielen eng zusammen und lassen sich nur sehr begrenzt voneinander losgelöst umsetzen (S. 272-273).
Werte der Polyamorie
- Kontakt und Umgang (S. 273-275).
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- Aufrichtigkeit gegenüber anderen und sich selbst ist zentral. Dabei können unterschiedliche Beziehungen es unterschiedlich leicht oder schwer machen, tatsächlich aufrichtig zu sein (S. 273).
- Kommunikation ist in Poly-Beziehungen zentral (S. 274).
- Konsens beschreibt Loh als etwas, das immer etwas Vorläufiges ist und fortlaufend neu ausgehandelt wird (S. 275).
- Kümmern und Wohlergehen (S. 276 - 279).
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- Verantwortung wird in Poly-Beziehungen stärker auf das “was ist gut für das polycule” gerichtet und weniger auf das “wer hat Verantwortung”. Zum Beispiel: Geht es weniger darum, wer den Abwasch macht, sondern wie die Organisation des Abwasches gut zum Polycule passt. (S. 276-278).
- Kümmern zeichnet sich in Poly-Beziehungen durch ein sehr starkes Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeiten aus (S. 278).
- Verbindlichkeit ist das freiwillige und explizite Eingehen von Verpflichtungen (S. 279).
- Die Einstellungen des Polyviduums (Poly + Individuum) (S. 279 - 281)
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- Offenheit bedeutet hier, dass poly Personen sich an sich verändernden Umständen anzupassen versuchen (S. 280).
- Achtung gegenüber sich selbst und Anderen und im Besonderen das Vermeiden von Besitzansprüchen (S. 280).
- Mitfreude für das Gegenüber im Kontrast zur Eifersucht. Loh schreibt: “Eifersucht wird als ein Mangel an Selbstwertschätzung und -bewusstsein und als Angst sowohl vor dem Verlust des Gegenübers (aufgrund eines irrationalen Besitzanspruches an dem(n.) Partny [Partner*in]) als auch vor dem Entzug von Liebe (aufgrund eines irrationalen Verständnisses von Liebe als einer begrenzten Ressource) verstanden und entsprechend behandelt bzw. kritisiert. Demgegenüber stellt die Mitfreude eine Kompetenz dar, die sich aus innerer Gelassenheit speist, sich für das Gegenüber und dessen Erfahrungen zu freuen, eine positive Kraft, die mit dem Glück der anderen Polyviduen zunimmt. Sie tritt insb. dann zutage, wenn ein Polyviduum etwa von einer neu geknüpften Liebesbeziehung oder einem besonders schönen oder aufregendem Erlebnis eines(n.) Partnys mit jemand anderem erfährt.[2]
Methodik/Hintergrund zum Artikel
- Der Artikel wurde 2023 in der Zeitschrift für praktische Philosophie veröffentlicht.
- Die Arbeit beruht auf bestehender Literatur rund um das Thema Polyamorie. Das bedeutet, es wurden keine systematisch durchgeführten Studien in der Form von Befragungen der polyamoren Community durchgeführt, dazu was diese Werte sind (S. 261).
- Erfahrungsberichte von polyamoren Menschen und Ratgeber zum Thema Polyamorie sind aber zentrale Quellen für Loh’s Arbeit (S. 261).
- Loh gibt konkrete Seitenzahlen an, wenn Loh auf Publikationen verweist. Das ist ein schönes Beispiel für gutes wissenschaftliches Vorgehen, weil dadurch die Angaben von Loh leicht überprüfbar sind.
- Die Idealisierungen, welche Loh machen, sind ein übliches Vorgehen in der Philosophie und helfen, einen Sachverhalt auf einer abstrakten Ebene besser zu klären. Davon ausgehend ist es dann oft einfacher, sich dem anzunähern, wie etwas tatsächlich gelebt und Gründe zu finden, warum etwas vom Ideal abweicht.
Ich will mehr wissen
Du findest du den ganzen Beitrag von Janina (jetzt Toni) Loh hier:
https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/388/418
Die DOI Nummer ist: 10.22613/zfpp/10.2.10
Mit der DOI Nummer kannst du in verschiedenen Datenbanken Fachpublikationen finden. Auch in solchen, welche keinen Zugang zu einer Hochschule voraussetzen. Beachte dazu die Gesetzeslage in deinem Land. Frage auch direkt in den Hochschulen die Bibliothekar*innen, ob sie dir helfen können, Zugang zu erhalten. Falls du Bürger*in der Schweiz bist, erhältst du über das Konsortium der Schweizer Nationalbibliotheken auch legal Zugriff auf verschiedene Studien.
Text: Jonas
Danke Toni fürs Gegenlesen. Toni empfiehlt euch noch diesen
Beitrag mit Toni, wenn ihr das Thema weiter vertiefen möchtet.
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[1] Beim bunt_lieben nutzen wir für ein solch umfassendes Verständnis von Liebe meist eher den Begriff “Beziehungsanarchie”. Hör doch dazu in unseren Podcast zu Beziehungsanarchie rein [Link, folgt sobald Veröffentlicht] Loh gibt weitere Literatur dazu an wie sich Beziehungsanarchie und Polyamorie zueinander verhalten könnten (S. 268).
[2] Schau mal unter dem Schlagwort “Eifersucht” bei uns im Blog nach, da findest du weitere Gedanken von uns zu diesem Thema.

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